Die Aufsteller mit Frühblühern in den Supermärkten erinnern daran, dass es jetzt Zeit wird, den Bestand an Tulpen, Narzissen oder Krokussen zu erweitern. Mein Großvater entnahm jeden Frühsommer nach dem Blattwelken die Zwiebeln und setzte sie im Herbstwieder frisch ein. Zumindest in meiner Erinnerung ließ die Blühkraft und Blütenmenge nie nach.

Ich lasse die Tulpen und Narzissen im Boden. Die Narzissen vertragen das besser, die Tulpen blühen immer schwächer. Das hat einerseits mit der Tochterzwiebelbildung zu tun, die offensichtlich Kraft nehmen, außerdem verdichtet sich unser Sandboden sehr stark. Aus diesem Grund habe ich mir vorgenommen, beim Pflanzen der Neuen auch die Alten aufzunehmen, die Töchter abzumachen und so allen wieder ein bisschen Raum und den durchlässigen Boden zu verschaffen, den sie brauchen.

Die Mühen und Kosten für das jährliche Erweitern des Bestandes hier und heute sind gering. – Liebhaber der Zwiebel zu Zeiten der Tulpenmanie haben Jahreseinkommen für den Besitz einer seltenen Tulpe ausgegeben -die Frühjahrfreude wiederum unbezahlbar.
Noch ein Aspekt sorgt bei mir für Erbauung: der zeitliche Abstand von Einsetzen zum Sichtbarwerden der Schönen ist so groß, dass ich jedes Mal freudig überrascht bin von meiner herbstlichen Großzügigkeit. …

Die Tulpe einen weiten Weg und eine aufregende Geschichte hinter sich (bis sie bei mir im Garten landete).

Im 15.Jahrhundert, als europäische Gärten dem Anbau von Heil- und Nutzpflanzen dienten, begann man im Osmanischen Reich mit der Kultivierung der aus Persien kommenden Zwiebel. Der islamischen Garten diente der religiösen Kontemplation und sollte über Geruch oder Anblick genossen werden.
Blumen waren für diesen Garten wichtiger Bestandteil.
Mitte des 16.Jhdt importierte der Flame Ghislain de Busbecq, Botschafter von Kaiser Ferdinand am Hofe Süleyman I., Tulpensamen und -zwiebeln. Von ihm stammt die erste Beschreibung eines Westeuropäers dieser Zwiebelpflanze und der Name: Tulipan.
Angepflanzt wurden die ersten Tulpen ebenfalls von einem Flamen, dem Botaniker und Arzt Carolus Clusius, Präfekt des Kaiserlichen Heilkräutergartens in Wien.
Clusius ab 1593 zum Professor für Botanik in Leiden berufen, stand dem dortigen Hortus botanicus vor und war wichtige Persönlichkeit eines Kreises von Pflanzenliebhabern.Dieser exklusive Zirkel aus gebildeten, wohlhabenden pflanzenliebenden Bürgern (Gelehrte, Apotheker, Notare, Händler) sowie Adligen war der Umgang mit Pflanzen kein Broterwerb sondern Liebhaberei.
Tulpen waren exotisch, exklusiv, und anspruchsvoll, Eigenschaften die den Liebhabern zusagten. Sie legten erstmals private Gärten außerhalb der alten Stadtmauern an, wo sie unter anderem Tulpen kultivierten und sich über Aufzucht oder neue Sorten gegenseitig austauschten. Nun waren Gärten nicht mehr nur Orte für Heil- und Nutzkräuter.

Die gesteigerte Aufmerksamkeit einer gebildeten Oberschicht fand auch Ausdruck in den Stillleben dieser Zeit.
Die kurze Blühdauer von April bis Juni und das schnelle Vergehen der Pflanzen nach der Blüte machten die Tulpen hierauf aber auch schon zum Symbol für Vergänglichkeit.

Während die Tulpenliebhaber um Clusius ihre Beziehungen noch durch den Tausch, der Zwiebeln unterhielten, wurde zum Ende des 16 .Jhds. mit Pflanzen professionell gehandelt. Form und Ausmaß des Handels mit Tulpenzwiebeln zu Beginn des 17.Jhd , wird später als Tulpenmanie oder Tulpenfieber bezeichnet.
So wurde zu deren Höhepunkt eine Zwiebel der Sorte „Admirael van Enchhysen‘ auf einer Auktion des Jahres 1637 für 5200 Gulden versteigert.
Dabei lag das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Handwerkers bei 150 Gulden. Ein Wohnhaus in allerbester Lage Amsterdams kostete 10 000 Gulden .
Die Preise für diese Immobilien mögen gestiegen sein, die für Tulpenzwiebeln fielen und ließen zerstörte Existenzen zurück.

Apropos zahlen: Beim Pflanzen in Blumenkästen und –töpfe habe ich viel Lehrgeld gezahlt, ehe ich ein überzeugendes Bild von Tulpenblüte auch auf dem Balkon erlebte. Inzwischen weiß ich, dass ich sie in ein Gemisch von handelsüblicher Blumenerde und Sand setzen muss, damit die Zwiebeln einen feuchten Berliner Herbst überstehen. Die Blumenkübel müssen überflüssiges Wasser ablaufen lassen können, denn die Zwiebeln faulen sehr schnell.

In diesem Frühjahr habe ich das erste Mal die botanische „Tulipa kaufmanniana“ am Fensterbrett zum Blühen gebracht.

 

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Written by Steffi Niemzok